Bürgerversammlung PCB: Newsticker

Ennepetal: Im Haus Ennepetal hat es am Freitagabend eine Bürgerversammlung zum Thema "PCB in Büttenberg und Oelkinghausen" gegeben. Der Ennepe-Ruhr-Kreis und Vertreter des Landesumweltamtes informierten zum Beispiel über die geplanten Blutuntersuchungen. Im Moment geht die Kreisverwaltung davon aus, sie Anwohnern im Mai oder Juni anbieten zu können.

© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr

16:45 Uhr: Trauerzug zum Haus Ennepetal

Vor der Versammlung gab es einen Trauermarsch durch die Stadt, organisiert von der Bürgerinitiative "PCB-Skandal Ennepetal". Rund 60 Menschen sind durch die Stadt gezogen, viele schwarz gekleidet und mit weißen Pappkreuzen in der Hand. Sie wollten so ein Zeichen in Richtung der Firma BIW und der Behörden setzen.

"Trauerzug" der Bürgerinitiative© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
"Trauerzug" der Bürgerinitiative
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17:55 Uhr: Beginn der Bürgerversammlung

Das Haus Ennepetal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, es sind viele Anwohner, aber auch zahlreiche Beschäftigte von biw im Publikum. Anwesend sind neben dem Landrat Olaf Schade unter anderem auch Ennepetals Bürgermeisterin Imke Heymann, biw-Chef Ralf Stoffels und Vertreter des Landesumweltamts. Die Veranstaltung wird auf eine Video-Leinwand nach draußen ins Foyer übertragen, dort sitzen weitere Zuhörer.

18:00 Uhr: Begrüßungen

Landrat Olaf Schade und Bürgermeisterin Imke Heymann sprechen Grußworte. Heymann hatte sich "niedrigere Belastungen erhofft, aber aus der Befürchtung wurde Gewissheit". Wichtig sei, dass man über gesicherte Erkenntnisse spreche, nicht über Spekulationen.

Schade stellte klar, dass jeder Anwesende wolle, dass keine belasteten Flocken mehr in der Nachbarschaft auftauchten. Die betroffene Anlage bei biw aber zu verbieten, hätte weitreichende Folgen für das Unternehmen und die Beschäftigen. Die Gesundheit sei aber "ein Gut, das nicht abgewogen werden darf".

18:15 Uhr: Initiative übergibt Petition

Die Bürgerinitiative gegen den PCB-Ausstoß übergibt 4.227 Unterschriften, die sie seit Mitte Januar gesammelt hat. Ein Sprecher der Initiative teilt mit, dass sich die Gruppe und das Unternehmen biw künftig stärker austauschen wollen. Das Thema dürfe nicht zwischen der Bürgerinitiative und den Mitarbeitern ausgetragen werden.

Außerdem stellt der Sprecher klar: Keine der Forderungen seiner Initiative laute: "Bitte schließen sie biw."

Roland Wocknitz (Bürgerinitiative, l.) übergibt Petition an Landrat© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
Roland Wocknitz (Bürgerinitiative, l.) übergibt Petition an Landrat
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18:20 Uhr: "Fakten aus erster Hand"

Vertreter des Kreises und des LANUV stellen die Zeitachse des bisherigen Geschen und die Problematik dabei vor - vom ersten Flockenfund im Oktober 2018 bis heute.

Unter anderem geht es um die betroffenen Gebiete und die Messergebnisse durch Grünkohlpflanzungen. In diesem Zusammenhang erklärt eine LANUV-Vertreterin, dass die Messungen fortgesetzt und das Messgebiet ausgeweitet werden sollen. Ihr zufolge hätten sich schon einige Anwohner gemeldet, die ihre Gärten für Messungen zur Verfügung stellen wollen.

Neue belastbere Messergebnisse erwarte man frühestens im Sommer – dann nehme für gewöhnlich die PCB-Belastung nochmal zu, und deshalb müsse man auch bis dahin Messreihen durchführen.

Karte des betroffenen Gebietes© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
Karte des betroffenen Gebietes
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18:50 Uhr: LANUV stellt "Humanbiomonitoring" vor

Ein Toxikologe des Landesumweltamts erklärt das "Humanbiomonitoring", kurz HBM. Dabei will das LANUV in diesem Falle die PCB-Belastung in Blut, Harn, Speichel oder beispielsweise Muttermilch von Anwohnern untersuchen.

So könne man auch rückblickend auswerten, wie viel PCB die Menschen in Oelkinghausen und Büttenberg bereits aufgenommen hätten. Außerdem lasse sich ablesen, wie viel davon sich auf das Unternehmen biw zurückführen lasse. Besonders Kinder und Frauen im gebärfähigen Alter wolle das LANUV untersuchen.

Eine gewisse Menge PCB lasse sich bei jedem Menschen nachweisen, weil wir die Stoffe beispielsweise auch über Nahrung aufnähmen. Der Toxikologe erhoffe sich bei den Blutmessungen, dass festgelegte Grenzwerte bei den Untersuchungen der Anwohner nicht überschritten werde.

19:05 Uhr: Details zu Blutuntersuchungen

Im März sollen die Vorbereitungen für das HBM beginnen, im Mai/Juni sollen die Blutentnahmen bei den Bewohnern beginnen, die vorher von LANUV und Kreis angeschrieben werden. Ergebnisse dazu erwarte man im dritten Quartal 2020.

Zeitplan für das Humanbiomonitoring© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
Zeitplan für das Humanbiomonitoring
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19:10 Uhr: PCB-Ausstoß bei biw

Der Kreis informiert über gemessene PCB-Konzentrationen beim Unternehmen biw und im Umfeld. Die Emissionen überschritten im Gewerbegebiet die Grenzwerte um ein Vielfaches.

Die Bezirksregierung habe nach einer Begehung am 10. Februar festgestellt: Arbeitsschutzseitig sei hier nichts zu kritisieren, das Unternehmen halte alle Grenzwerte ein, es gebe "grünes Licht" für den Betrieb bei biw.

19:15 Uhr: biw-Chef tritt ans Mikrofon

Unter Applaus der Mitarbeiter und einzelner Buh-Rufe aus dem Sitzblock der Anwohner tritt jetzt der Chef des Unternehmens biw, Ralf Stoffels, vor die Zuhörer. Man fühle sich nicht nur verantwortlich für die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern auch für die Gesundheit in ganz Ennepetal.

Stoffels: "Wir produzieren kein PCB, es entsteht bei unserem Produktionsprozess. (...) Wir wollen das erste Unternehmen sein, das PCB-frei produziert, brauchen dafür aber mehr Zeit."

biw-Chef Ralf Stoffels (l.) und Moderator Frank Heinze© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
biw-Chef Ralf Stoffels (l.) und Moderator Frank Heinze
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19:30 Uhr: "Bis Ende Februar: Flockenflug eingestellt"

Der Anwalt des Unternehmens ergänzt: Am Ende des Jahres werde man ein Ergebnis haben, das alle Beteiligten zufriedenstelle. Er begrüße außerdem, dass die Bürgerinitiative das Gespräch mit biw suche. Außerdem betont der Jurist, dass aktuell keine Grenzwerte überschritten würden und die Bezirksregierung Arnsberg nichts zu beanstanden habe.

Man müsse den Blick in die nahe Zukunft richten, um Sorgen und Ängste abzubauen.

Zum einen werde das Unternehmen Maßnahmen ergreifen, um die Ursachen für PCB-Emissionen in der Luft zu vermeiden. Zum anderen soll es Filtermaßnahmen geben, so dass bis Ende Februar Flockenflüge jeder Intensität ausgeschlossen sein würden.

Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme werde es Abfangeinrichtungen auf den Dächern der Hallen geben, die Reinigungsintervalle der Anlagen würden außerdem intensiviert.

biw habe die Absicht, einen chlorhaltigen Vernetzer, der gasförmiges PCB ausscheide, schnellstmöglich auszutauschen durch einen chlorfreien Vernetzer. Das sei aber nicht so leicht zu realisieren. biw beabsichtige nicht, den Standort zu schließen und die Produktion ins Ausland zu verlagern.

Er stellt den Zeitplan für eine PCB-freie Produktion bei biw in Ennepetal vor: Bei 25 Prozent aller Aufträge und Abnehmer könne man sofort auf den chlorhaltigen Vernetzer verzichten, bis Juli weitere 25 Prozent. Bis Juli sollen dann zusätzliche Filter installiert worden sein, sodass dann 80 Prozent der PCB-Luftemissionen vermieden würden. Bis Ende des Jahres könne die restliche Umstellung erfolgen. Diese Maßnahmen und den Zeitplan könne man als Unternehmen auch vertraglich zusichern.

biw-Chef Ralf Stoffels (2.v.l.) und der Jurist des Unternehmens© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
biw-Chef Ralf Stoffels (2.v.l.) und der Jurist des Unternehmens
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19:40 Uhr: Fachanwalt des EN-Kreises spricht

Als nächster Redner ist jetzt der beauftragte Fachanwalt des EN-Kreises auf dem Podium. Es dürfe keine Gefahr und keinen weiteren Flockenausstoß mehr geben, sonst drohe eine Ordnungsverfügung. Ab Mittwoch wollen sich Kreis und LANUV dazu beraten.

Dann soll entschieden werden, ob der Betrieb des Vernetzers untersagt werden müsse - oder ob die heute von biw vorgestellten Maßnahmen ausreichend seien. Der Landrat habe kein Interesse daran, das Unternehmen zu schließen. Wenn man aber zwischen Gesundheitsschutz und Unternehmensinteressen entscheiden müsse, fiele die Entscheidung für den Gesundheitsschutz, so der Jurist, der für den Kreis spricht.

19:47 Uhr: "Frageforum" beginnt

Der offizielle Informationsteil ist jetzt beendet, es folgt die Gelegenheit für die Zuhörer, Fragen zu stellen. Als erstes hat die Bürgerinitiative die Möglichkeit, ihre Forderungen nochmal zu konkretisieren und die ersten Fragen an das Podium zu stellen. Die Sprecherinnen der BI kritisieren, dass das Unternehmen "weiteren Aufschub erhalte" und dass sich das Unternehmen "zu spät auf die Umstellung" der Produktion eingestellt habe.

Sprecherinnen der Bürgerinitiative stellen ihre Fragen© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
Sprecherinnen der Bürgerinitiative stellen ihre Fragen
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19:55 Uhr: Wert der Grundstücke

Anwohner:

Viele sorgen sich darum, dass ihre Häuser bzw. ihre Grundstücke an Wert verlieren, wenn der Boden mit PCB belastet sein wird.

Der Kreis erklärt dazu:

Bisher gebe es keine relevante Belastung des Bodens, Kinder könnten dort ohne Gefahr spielen, solange keine Flocken auftauchten.

20:05 Uhr: Geschwindigkeit der Lösung

Anwohnerfrage:

Warum war bisher von zwei Jahren bis zu einer Problemlösung die Rede - und nach Androhung einer Stilllegung geht es plötzlich in einem Dreivierteljahr?

biw antwortet:

Erste Tests mit den neuen Filteranlagen hätten gezeigt, dass die Umstellung schneller gehen kann. Außerdem hätten einige biw-Kunden signalisiert, dass sie ebenfalls zügiger dazu bereit sind.

20:22 Uhr: Betriebsgeheimnisse?

Fragesteller:

Betrachtet biw die Erkenntnisse über die PCB-freie Produktion als Betriebsgeheimnis oder stellt das Unternehmen das Wissen auch anderen Firmen zur Verfügung?

biw antwortet:

Wettbewerber sollen in gleicher Geschwindigkeit umstellen können. Die Geschäftsleitung von biw wolle deshalb Informationen auch an andere Betriebe weitergeben und sie nicht als Betriebsgeheimnis behandeln.

20:44 Uhr: Krankheitsbilder

Ein Anwohner & ein biw-Mitarbeiter fragen:

Gibt es ein gehäuftes Auftreten von Krebs, Brustkrebs, Immunerkrankungen am Büttenberg? Gibt es auffällige Erkrankungen bei biw-Mitarbeitern?

Antwort des EN-Kreises:

Gehäufte Erkrankungen bei Anwohnern sind derzeit nicht bekannt, weil es keine Daten dazu gibt und diese auch nicht systematisch erhoben werden. Außerdem könne man Erkrankungen von biw-Mitarbeitern in Zusammenhang mit PCB ausschließen, weil die Messwerte bei den Blutuntersuchungen unter den kritischen Werten lagen.

20:50 Uhr: Weitere Untersuchungen?

Anwohnerin:

Wieso werden nicht auch langjährige Anwohner am Büttenberg untersucht, um hier Sicherheit zu haben?

Das LANUV antwortet:

Zunächst wolle man nur Kinder und Schwangere untersuchen, weil diese am unmittelbarsten bei einer PCB-Aussetzung betroffen seien. Sollten dabei bedrohliche Werte auftreten, könne man auch über eine Ausweitung des Untersuchungskreises nachdenken.

20:56 Uhr: Wechselwirkungen

Frage einer älteren Dame, die im betroffenen Bereich wohnt:

Gibt es bei einer PCB-Aufnahme gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Umweltgiften, denen wir täglich ausgesetzt sind?

Dazu das LANUV:

Im Falle einer PCB-Aufnahme überwiegen die Gefahren des PCB, die Folgen von Wechselwirkungen durch andere Stoffe seien dieser Belastung unterzuordnen.

21:00 Uhr: Eskalation verhindert

Eine Zuhörerin beschwert sich:

Sie habe eben vor verschlossenen Türen gestanden und sei erst spät eingelassen worden.

Bürgermeisterin Imke Heymann erklärt:

Das Haus sei bis auf den letzten Platz ausgelastet gewesen, sie habe eben am Einlass entscheiden müssen, dass fünfzig weitere Zuhörer eingelassen werden. Andernfalls hätte es eine Eskalation vor der Tür gegeben. Mittlerweile seien einige Besucher gegangen, sodass jetzt wieder Plätze frei sind.

21:07 Uhr: Hausverkauf

Zuhörer fragt:

Wenn man als Anwohner sein Haus verkauft, muss man den Käufer auf eine mögliche Belastung des Bodens hinweisen?

EN-Kreis antwortet:

Dazu könne man keine rechtlich fundierte Aussage treffen, weil man nicht zuständig dafür ist. Mutmaßung des Sprechers: Wo den Messwerten nach keine belasteten Böden vorliegen, könne auch niemand einen Anspruch geltend machen.

21:14 Uhr: Änderung ohne Flocken?

Eine Anwohnerin fragt:

Wären keine Flocken aufgetaucht, hätte biw dann nie etwas gegen den PCB-Ausstoß unternommen?

biw antwortet:

Das Unternehmen sei selbst davon überrascht gewesen, dass es einen derartigen PCB-Ausstoß gebe. Seit die Emission bekannt sei, habe man alles daran gesetzt, um die Belastung "einzufangen"
Zum Ende der Fragerunde haben sich die Reihen geleert© Stefan Erdmann / Radio Ennepe Ruhr
Zum Ende der Fragerunde haben sich die Reihen geleert
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21:26 Uhr: Ende des offiziellen Teils - jetzt Einzelgespräche möglich

Moderator Frank Heinze bietet zum Ende der Veranstaltung an, Einzelgespräche mit den Experten des Podiums zu führen und persönlich weitere Fragen zu stellen.

Wir beenden hiermit den Newsticker von der Bürgerversammlung zur PCB-Belastung in Oelkinghausen und Büttenberg. Vielen Dank fürs Mitlesen!

Die Zusammenfassung der Veranstaltung hört ihr bei Radio Ennepe Ruhr am Samstag - von 9 bis 12 Uhr.

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